Übersetzungsprogramm: Duden nach Spielobjekt
Ja... mit dieser Überschrift kann man das Spiel im Grunde schon zusammenfassen. Es gibt eine mächtige Datenbank an Begriffen für Gegenstände, Tiere, fiktive Wesen und Personen, die nach Eingabe mittels Nintendo-DS-Stift im Spiel-Level zum Leben erweckt werden.
Diese Gegenstände verhalten sich auch so in etwa, wie man es sich vorstellt. Klingt witzig und spannend - ist es auch. Es macht Spaß, einfach mal ein paar Sachen ins Leben zu rufen und zu gucken, was passiert.
Die Heiden bekehren... klappt leider nicht
Das Witzigste, was mir bisher hierbei einfiel war Folgendes: Ich erweckte einen Atheisten zum Leben. Oh ja, Atheisten gibt es in diesem Spiel. Zum Vorschein kommt ein grauhaariger, grimmig dreinschauender Mann. Daran merkt man, daß das Spiel aus den USA kommt. Erstaunlicherweise sieht der Atheist genauso aus wie ein Zyniker, den ich zufällig in diesem Spiel fand, als ich nach einem anderen Gegenstand suchte. Nun gut... da hatte ich nun nen Zyniker und einen Atheisten in einem Kämmerchen drin und dann brachte ich noch Gott höchstpersönlich ins Spiel. Dieser schaut den Zyniker und Atheisten etwas treudoof an und was machen die beiden? Haben tierisch Angst oder Ekel oder sowas... keine Ahnung. Jedenfalls hauen sie vor Gott ab. Ist doch klar. Das macht jeder Zyniker und jeder Atheist - sie flüchten sich vor der Realität in ihre angenehme kleine Fantasiewelt.
Ziel des Spiels
Es gibt eine Reihe an Levels, die Rätsel enthalten - einmal geht es darum einen Stern namens "Starite" in dem jeweiligen Level einzusammeln - in einem anderen Spielmodus geht es darum, eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen, wie beispielsweise: "gib dem Koch etwas, womit er arbeitet".
Gerade bei den Starite-Levels kommen reichlich Hindernisse vor, die es erschweren, den Spielcharakter namens Maxwell zum gewünschten Zielobjekt hinzuführen. Aber kein Problem, als Spieler von Welt hat man ja nen riesigen Fundus an Wörtern im Kopf und kann sich irgendwas Passendes ausdenken. Ist der Stern vielleicht etwas weiter oben zu finden? Ein Enterhaken kann helfen. Oder ein Trampolin, oder eine Leiter... oder vielleicht das Fabelwesen Pegasus.
Ja so in etwa funktioniert das Spiel. Es gibt reichlich Welten mit reichlich Levels zu besuchen. Obendrein wird noch die Art und Weise des Lösens der Levels mit Auszeichnungen belohnt. Wenn man viele Menschen beispielsweise zum Lösen einsetzt, dann ist man "Humanitär". Wenn man auf das gigantische Waffenarsenal, das es in dem Spiel gibt, verzichtet, dann bekommt man die Auszeichnung "Ohne Waffen".
Hmm ja... es findet sich selbst die berühmte Atombome darin, die leider wenig Sinn macht, weil sie einfach alles in dem Level vernichtet.
Macke 1: Die Steuerung
Das muß man leider so sagen, die Steuerung ist bei dem Spiel ziemlich mißlungen und sorgt für viele, viele Frustrationsmomente, weil der Charakter Bewegungen ausführt, die man so nicht beabsichtigt hat. Das liegt daran, daß im Grunde ausschließlich mit dem Stift gearbeitet wird. Man benutzt den Stift um den Charakter irgendwo hinlaufen zu lassen, man benutzt ihn um mit Gegenständen zu interagieren, man benutzt den Stift um Gegenstände im Level zu platzieren und miteinander zu kombinieren. Wenn dann im Level noch so Späße wie bodenlose Schluchten, Stacheln, Minen oder Lava vorkommen, kann man sich schonmal auf einige Fehlversuche gefasst machen, weil das Verschieben eines Objekts mit einem Bewegungsbefehl gerne mißverstanden wird und Maxwell sich in den Freitod stürzt.
Das passiert leider öfter, als man meint. Selbst, wenn man die Problematik genau kennt, so ist man nicht davor gefeit, denn leider sind manche Objekte so klein, daß man sie nicht sofort mit dem Stift erwischt.
Das trübt unterm Strich doch so ziemlich das ansonsten spaßige Spiel.
Macke 2: Die Levels
Ein paar Levels sind wirklich haarsträubend. Meiner Meinung nach nicht ohne Hilfe aus dem Internet oder geistige Krankheit zu lösen. Gerade in der ersten Welt des Spiels gibt es einen Level, der für einen gesunden Menschenverstand nicht zu lösen ist. Da befindet man sich in einer großen, oben abgeschlossenen Höhle und ein Tornado wirbelt immer hin und her und versperrt vollkommen den Weg zum Starite hin. Nun gut, ich versuchte alles Mögliche... zuerst einen Panzer, um mit diesem einfach durchzufahren. Panzer müssen ja furchtbar schwer sein, also kein Problem, oder? Pustekuchen! Das Militärvehikel wird vom Wirbelsturm zurückgeschleudert, als wär's aus Pappe. Ist klar. Okay. Dann probierte ich verzweifelt alles durch, Bomben, Waffen, Sonne (für besseres Wetter), selbst Elefanten und Gott konnten dagegen nicht anstinken. Der Wirbelsturm ist nun mal unkaputtbar.
Im Internet befindet sich ein Lösungsweg: man benutze ein "Schwarzes Loch". Wie bitte? Eine ultimative Weltall-Killermaschine soll ich im Level platzieren, um chirurgisch die mächtigste Naturgewalt der Scribblenauts-Welt zu verschlingen? Ist doch klar. Ist doch das Naheliegendste überhaupt.
Ich bin mir nicht sicher, ob die Entwickler sich ausgerechnet das Schwarze Loch als Lösung ausgedacht haben. Vielmehr würde mich interessieren, wie vom Design her dieses Level zu lösen ist.
Macke 3: Inkompetente Übersetzung
Gerade in den Anfangslevels benutzt man einen Gegenstand doch recht oft. Die "Leiter" - um irgendwo hochzuklettern und an erhöhte Plattformen ranzukommen. Wenn man diesen Begriff eingibt, dann erscheinen zwei Möglichkeiten zur Auswahl:
"Meinten Sie etwa... 1. Leiter (Mensch) oder 2. Leiter (Holz)"... okay, ich war neugierig und wollte mir mal den Menschen anschauen. Was kommt zum Vorschein? Ein Indianerhäuptling. Die Amerikaner nennen den auch gerne "chief" - hat mehrdeutige Übersetzungen, unter Anderem eben "Leiter". Aber im Deutschen? Ist es nach wie vor ein "Häuptling".
Und hiermit bringe ich das Grundproblem der deutschen Übersetzung zum Sprechen: sie ist nicht geprüft. Niemand hat nachgeschaut, was mit den übersetzten Begriffen im Spiel überhaupt passiert. Da kommt es immer wieder zu Überraschungen, und fatalerweise zu schwer lösbaren Rätseln.
Es gibt einige Levels, bei denen man die Gegend säubern muß. Da kam mir eigentlich direkt Müllmann, Putzmann, Putzfrau, Hausmeister und sowas in den Sinn. Das alles existiert nicht in der deutschen Version. Allerdings gibt es in der englischen Fassung den "Janitor" (was verdammt nochmal Hausmeister heißt!), der mit dem Mopp durch das Level düst und alles blitzeblank macht. Warum und wie ist der in der deutschen Fassung abhanden gekommen?
In einem weiteren Level gibt es einen leeren Schulklassenraum mit einer frustrierten Lehrerin. Am Anfang sieht man noch zwei kleinere Schülerinnen in Schuluniform abhauen. Als Aufgabe wird gestellt: "Gib der Lehrerin etwas, was im Raum fehlt". Da fast alles bereits vorhanden ist - Tische, Tafel, Uhr, gab ich natürlich "Schüler" ein. Das Wort existiert nicht in der Datenbank. Und da mir vorher die Unzulänglichkeiten in der deutschen Übersetzung auf den Zeiger gingen, hab ich kurz darauf ein für alle Mal in den Optionen die Sprache auf Englisch gestellt, was glücklicherweise kein Problem ist bei dem Spiel.
Danach ging ich zurück zu dem Level und konnte sowohl über "pupil" (für die Briten unter uns) als auch mit "student" (für die Amerikaner) das Rätsel lösen. Es existieren gleich alle beide englischen Begriffe für Schüler in dem Spiel. Nur nicht für die deutsche Variante. Da ist es nicht lösbar, bzw.... "Student" habe ich noch nicht ausprobiert. Ich wette, daß es damit funktioniert. Allerdings führt man damit jeden in die Irre, der der Feinheiten des Englischen nicht mächtig ist.
Andere deutsche Macken sind: "Stein" für eine Schachspielfigur und übertriebene Eindeutschungen, die praktisch niemals im deutschen Sprachgebrauch genutzt werden. Ich wußte, daß es in diesem Spiel einen Jetpack gibt. Ein superpraktisches Teil, um an entlegene Winkel heranzukommen. Auf Deutsch stößt man da allerdings auf Ratlosigkeit. Jetpacks gibts da nicht. Mit viel Fantasie probierte ich einmal die Eingabe von "Raketenrucksack". Den gibt es tatsächlich. Was zum Teufel? Dieses lange, vollkommen haarsträubende Wort soll ich ständig eingeben? Kampfjets existieren auch nicht, obwohl es sie in der Datenbank gibt. Und so bin ich immer wieder auf die Grenzen und Fehler der deutschen Übersetzung gestoßen.
Was allerdings grandios in der deutschen Fassung untergeht, ist der grobsinnige, englische Internet-Humor. Plötzlich kam da ein Level mit einem Katzenkopf, der aus der Decke rausschaute. In der englischen Version steht da der sauwitzige Einführungstext: "Ceiling cat is watching you... (oh ja, ich liebe diese dramatische Pause... kommt da "masturbate"? Nein, nicht in einem Kinderspiel) ...fall".
Genial. Und was machten die deutschen Übersetzer daraus: "Die Deckenkatze schaut zu, wie Du runterfällst". Buhuhu. Superlustig.
Der Fantasie Flügel verpassen
Die obige "Mackenliste" ist keineswegs ein "Meckern auf hohem Niveau". Das sind richtige Patzer, die das Spiel ruinieren würden, wenn es sich nicht um ein innovatives Meisterwerk handeln würde. Das ist echt ärgerlich. Aber dennoch ist Scribblenauts jeden Cent wert. Es macht richtig viel Spaß, seiner Fantasie freien Lauf zu lassen, um die einzelnen Rätsel auf einem direkten, naheliegenden Wege oder über absurde, witzige Umwege zu lösen.
Das Genre nennt sich sandbox game. Eine Umgebung gaukelt einem ultimative Bewegungsfreiheit vor - ähnlich der Realität. Scribblenauts ist vielleicht das Spiel, welches am ehesten diesem hohen Ziel gerecht wird. Man setzt sich an sich nur noch als Spieler selbst die Grenzen, weil einem die Worte nicht einfallen, oder die Fantasie nicht ausreicht, um die Rätsel zu lösen (siehe Tornado-Beispiel).
Grenzen austesten
Ich hatte gestern beim Spielen um mich herum versammelt meine beiden Neffen und zwei Freunde meines ältesten Neffen. Die hatten einen so ungeheuren Spaß dabei, mit Übereifer die Fantasie sprudeln zu lassen, daß es geradezu ansteckend war.
Für Kinder ist Scribblenauts allemal was. Allerdings nicht für die Kleinen "ab 6", wie die deutsche USK vorschlägt. Ich würde gerne mal den Sechsjährigen sehen, der zumindest einen Bruchteil des Dudens beherrscht und korrekt in das Spiel eintippen kann. Die europäische Alterseinschätzung nach dem PEGI-System ist da wesentlich realistischer: ab 12. Nicht zuletzt auch wegen der Gewalt, die in dem Spiel durchaus vorkommt. Es gibt Mörder, Pyromanen, Soldaten, Kriegsszenarien, katzenmordende Hunde und es gibt neben GTA: IV den größten Waffenfundus der Spielgeschichte (okay, vielleicht übertreib ich da ein bißchen, aber man findet hierin sogar Napalm).
Aber trotzdem ist alles so knuffig und bunt dargestellt, daß man gerne über diese Gewaltorgien hinwegsieht. Immerhin gibts ja keine Darstellung von Blut, sondern die erledigten Wesen machen "Puff" und verschwinden ächzend vom Bildschirm. Das kann sogar dem lieben Gott passieren, wenn er zu sehr eins auf die Mütze kriegt.
Fazit
Die ganze Meckerei beiseite - Scribblenauts ist ein wirklich tolles Spiel. Sehr kurzweilig, sehr unterhaltsam, auch was für Unterwegs und auf jeden Fall einen Kauf wert. Dennoch würde ich empfehlen, die Sprache direkt auf Englisch zu stellen und wenn man mit dieser Sprache Probleme hat, lieber ein Englisch-Deutsch-Wörterbuch zurate zu ziehen, als sich mit der deutschen Fassung zu quälen.
Credits
SCRIBBLENAUTS, Spiele-Cover und Screenshots sind Warenzeichen sowie Copyright von Warner Bros. Entertainment Inc.
[TOC3]Tja... irgendwie habe ich zu Scribblenauts eine Art Haßliebe entwickelt. Einige Levels sind vollkommen frustrierend und einige Gegenstände verhalten sich vollkommen widernatürlich, was man ja vermutlich bei einer fantasievollen Comicwelt verschmerze
Aufgenommen: Okt 13, 13:29